Texte lesen

Anders als ich

– Du darfst anders sein als ich –

 

Ich lese gerne dicke Bücher –

Romane, Sagen und Gedichte,

Bildung ist mir immer wichtig –

kulturelle und Geschichte.

In meiner Freizeit diskutier ich,

wer wohl als nächster wird gewählt.

Aus der Zeitung will ich wissen:

Was bewegt die heut’ge Welt?

 

Wir kämpften damals für die Bäume –

saurer Regen, saub’re Luft,

Fahrradfahr’n für unsre Kinder –

Autofahr’n tut nur ein Schuft.

›Atomkraft‹ – Ausgeburt des Bösen –

›Pelz‹ – das Reizwort der Nation.

Wir kämpften lautstark gegen alles –

bei Genen gegen Mutation.

 

Und dann kommst du hereingeschneit –

erst hilflos, unschuldig und klein.

Ich war in deiner Welt das Maß,

ich durfte deine Gottheit sein.

Doch unverschämter Weise

birgst du in dir deinen eignen Kern,

sagst nicht mal »nein« zu meinen Werten –

nein, diskutieren ist dir fern.

Schau mir in die Augen Kleines.

Red’ mit mir, ich hör dir zu!

Ich will dich kennen und verstehen.

Mein größtes Rätsel, das bist du.

Ich sehe, du bist wunderbar

und staune täglich – »Du von mir?«,

stellst auf den Kopf, was für mich wahr,

und dennoch find ich mich in dir.

 

Mode, Fitness und Gesundheit –

endlich etwas, was wir teilen!

Aber so wie ihr das macht,

einem Ideal nacheilen,

ist auch dieses Thema anders,

nennen wir es Körperwelten.

Magersucht und dicke Muskeln,

meiner Zeit war so was selten.

 

Heute braucht ein Kind recht viel –

Fremdbetreuung, Kurse, Spiele,

Computer, Reisen, neuste Technik,

Angebote und zwar viele!

Doch wird das Spiel durch all das besser?

Sag mir, seid ihr klüger heute?

Was tut ihr da mit eurem Smartphone?

Seid ihr glücklichere Leute?

 

Schau mir in die Augen Kleines ...

 

Wir wissen beide, wie wir’s angeh’n:

Mit Fragen tu ich dir nicht weh.

Du bist für mich der Weg zur Zukunft,

auch wenn ich vieles nicht versteh.

Nur meine Liebe zu dir kann

den Glauben an das Alte brechen,

»Wer bist du?« werd’ ich stets fragen,

das kann ich versprechen.

 

Du stehst nicht nur für deine Jugend –

du bist anders, so wie alle.

Anders als ich, so muss es sein.

Gleichsein wäre eine Falle.

Du bist anders. Ja, das mag ich.

Du bist kein Spiegelbild von mir.

sonst müsst’ ich mich mit mir rumschlagen.

Das wär ein Albtraum, sag ich dir!